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Schweizer Bank vom 21.01.2010 Interview: Claudia Gabriel, 13658 Zeichen |
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| Andrew Formica: «Ein guter Partner für eine Schweizer Bank» |
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| Der CEO des britischen Asset Managers Henderson Global erklärt, wie sich die Branche weiterentwickelt und welche Rolle die Schweiz spielen wird. |
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SB: Die globale Asset-Management-Branche konsolidiert. Jüngst hat Henderson die Fondsgesellschaft New Star gekauft. Welche Vorteile bringt die Akquisition?
Andrew Formica: New Star war ein Überflieger im Markt für Retail-Investoren in Grossbritannien. Seit dem Start im Jahr 2001 hatte sich die Firma in diesem Marktsegment unter den ersten fünf positioniert. Ende 2008 bekam sie Schwierigkeiten, sie hatte eine schlechte Rendite-Entwicklung auf ihren Fondsanlagen und als Unternehmen hohe Schulden. Die Banken übernahmen die Kontrolle. Wir ergriffen die Gelegenheit, das Geschäft aufzukaufen. Die Expertise von New Star im Retailkunden-Markt kam uns sehr zugute. Wir waren in diesem Segment schwächer aufgestellt, die Anzahl unserer Vertriebspartner verdoppelte sich durch den Zukauf. Es gelang uns, die Kapitalabflüsse der New-Star-Fonds zu stoppen und wieder Zuflüsse in unsere ganze Fondspalette zu generieren.
SB: Fusionen zwischen Asset-Management-Firmen können eine schwierige Angelegenheit sein. Warum wurde diese zum Erfolg?
Formica: Das Vermögen der Asset-Management-Firmen besteht in Tat und Wahrheit eher aus den Mitarbeitern als aus dem verwalteten Geld. Es kann deshalb schwierig sein, die Leute eines akquirierten Unternehmens zu halten. Wir hatten Glück, dass die Märkte bei dieser Übernahme so turbulent waren. Die Akzeptanz für einige harte, aber notwendige Entscheide war da. Die Integration ging so viel rascher und besser vonstatten, als wir erwartet hatten, obwohl es grössere Überlappungen zwischen den beiden Firmen gab. Wir konnten die Kosten rasch senken.
SB: Wie positionieren Sie sich jetzt?
Formica: Wir haben eine breite Palette von Anlagefonds für die Retailkundschaft. Wir vertreiben sie fast nur über Bank-Partner, auch in der Schweiz. Stark sind wir besonders im Immobilienbereich, da gehören wir zu den grössten fünf Asset Managern in Europa. Wir haben auch eine kleine Palette Hedge Funds, die wir schon seit zehn Jahren führen sowie etwas Private Equity. Wir machen zudem Vermögensverwaltung für institutionelle Kunden, denen wir die gleiche Art von Produkten anbieten wie den Retailkunden.
SB: Wie sind Sie geografisch aufgestellt?
Formica: Wir sind sehr stark in Grossbritannien und haben eine gute Präsenz in Kontinentaleuropa und den USA. In Asien sind wir noch klein. Der Anteil unseres US-Geschäfts soll in den nächsten Jahren von 15 auf 35 Prozent der verwalteten Vermögen steigen. Asien soll von 5 auf 15 bis 20 Prozent zulegen. Dafür wollen wir unsere Investitionsfähigkeiten in den USA noch ausbauen und den Vertrieb sowohl in Nordamerika als auch in Kontinentaleuropa und in Asien stärken. Wir suchen einerseits neue Vertriebspartner, machen uns andererseits aber auch als Firma zunehmend bekannt. Selber werden wir sicher nicht als Bank oder Vermögensverwalter tätig, aber um den Vertriebspartnern Service zu bieten, müssen wir jeweils vor Ort präsent sein. Wir wollen, dass uns Banken und Vermögensverwalter mit offener Produkte-Architektur als Wunschpartner sehen.
SB: Was sind die nächsten Schritte?
Formica: Die Marktbedingungen verbessern sich, alle Teile unseres Geschäfts wachsen. Wir steigern unsere Vertriebskapazitäten organisch, halten aber auch die Augen offen für weitere Übernahmegelegenheiten.
SB: Indexaktien – ETF – konkurrenzieren die aktiv gemanagten Anlagefonds. ETF sind günstiger als Fonds. Wie bewahren Sie Ihre Margen?
Formica: ETF sind derzeit tatsächlich beliebt. Aus meiner Sicht konkurrenzieren sie uns aber nicht direkt, denn sie nehmen innerhalb des Asset Management eine bestimmte Rolle wahr. Die Kunden wollen immer noch einen guten Anteil ihres Portefeuilles aktiv investieren in der Hoffnung auf Renditen, die den Markt schlagen. Darum kombinieren sie ETF mit aktiv gemanagten Produkten. Dies zwingt uns zwar, effektiv gute Renditen zu generieren. Doch es bewahrt auch unsere Marge, weil die Kunden ihre eigenen Gesamtkosten dank dem Einsatz von ETF senken können.
SB: Welche Rolle spielt die Schweiz in der Strategie von Henderson?
Formica: Die Schweiz ist unser zweitgrösster Markt in Europa, gemessen an den verwalteten Vermögen. Wegen des globalen Gewichtes des Finanzplatzes für die Vermögensverwaltung von Privatkunden ist er für eine Firma wie unsere nicht zu ignorieren. Die Schweizer Banken sind überdies mit dem Vertrieb «fremder» Finanzprodukte relativ weit fortgeschritten. Unsere Fonds investieren auch in der Schweiz, wir waren jüngst sogar ein grosser Kapitalgeber der UBS.
SB: Was hat die Finanzkrise in der Schweiz mit Blick auf die offenen Produkte-Architekturen verändert?
Formica: Der Vertrieb von Drittprodukten erhält mehr Gewicht, auch dank strategischen Schritten wie dem Verkauf der Credit-Suisse-Fonds an Aberdeen Asset Management und der Aufspaltung der Bank Julius Bär. Dieser Trend erfasst auch andere Banken. Die Bankkunden sind durch die Krise anspruchsvoller geworden und verlangen mit mehr Nachdruck Lösungen, welche jeweils die besten Fonds einer Art beinhalten, unabhängig vom Hersteller. International goutieren die Kunden ein Übergewicht von Fonds der Hausbank in den Depots immer weniger. In den USA hat schon vor einiger Zeit Citigroup ihr Asset Management an Legg Mason verkauft, Morgan Stanley verkaufte ihres kürzlich an Invesco, und Bank of America verkaufte ihre Vermögensverwaltungstochter Columbia. Diejenigen Vermögensverwalter, die noch eigene Produkte verkaufen, sehen immer mehr ein, dass sie wenigstens nachweisen müssen, dass diese tatsächlich überdurchschnittlich gut sind.
SB: Viele Schweizer Banken haben eine sogenannte «geführte offene Produkte-Architektur». Die darin angebotenen Drittfonds werden nicht immer nach transparenten Kriterien ausgewählt. Was muss eine Fondsgesellschaft bieten, um dabei zu sein?
Formica: Jede geführte offene Architektur funktioniert nach anderen Kriterien. Als Fondsgesellschaft muss man flexibel sein. Hervorragende Renditen der Produkte sind nur ein wichtiges Kriterium. Man muss den Vertriebspartnern auch Service bieten und sie im Verkauf unterstützen. Gerade mit Blick auf die Schweiz verschätzen sich viele Drittanbieter: Man kann nicht einfach ins Land kommen und Geld einsammeln. Die einheimischen Banken stellen spezifische Anforderungen an den Service und möchten ein längerfristiges Engagement sehen. Zudem ist es von Vorteil, wenn die eigene Marke bekannt ist – auch bei den Endkunden. Grosse Fondsgesellschaften sind gegenüber Nischenanbietern klar im Vorteil.
SB: Würden noch mehr Schweizer Banken ihre Asset-Management-Sparten verkaufen, wäre ein solcher Zukauf für Henderson von Interesse?
Formica: Ich finde das Modell Credit Suisse/Aberdeen sehr attraktiv und könnte mir vorstellen, dass es von anderen Banken nachgeahmt würde. Die Credit Suisse gab ihr Fondsgeschäft ab, blieb aber an dessen Wachstum beteiligt – und das Wachstumspotenzial im Asset Management ist intakt. Henderson wäre ein guter Partner für eine Schweizer Bank, dank der Unabhängigkeit und der breiten Produktepalette. Wir sind aufgebaut als ein Konglomerat aus Investmentboutiquen, die relativ unabhängig investieren. Darum können wir Zukäufe grundsätzlich gut integrieren.
SB: Könnten Sie sich vorstellen, ein Partner von GAM zu werden?
Formica: Nein. GAM stellt hauptsächlich Fund of Funds her. Wir fokussieren uns dagegen auf Single Hedge Funds und wollen dies nicht ändern.
SB: Was hat die Debatte um das Bankgeheimnis für Konsequenzen auf Ihr Schweizer Engagement?
Formica: Es kommen einige harte Jahre auf den Schweizer Finanzplatz zu, aber er wird die schwierige Periode überstehen. Der Ruf der Schweiz gründet auf dem Bankgeheimnis, auf Vorsicht und auf Professionalität. Alle drei werden derzeit in Zweifel gezogen. Persönlich finde ich, dass die Bankkunden ein Recht auf Privatsphäre haben. Dies wird nun in Frage gestellt, in einem Moment, in dem die privaten Kunden tendenziell bereits von ihren Vermögensverwaltern enttäuscht sind, weil die Anlagerenditen schlecht waren. Gleichzeitig sind die Regulatoren international eingreiffreudig, und das Vertrauen in die Branche hat gelitten. Steuerunehrliche Kunden, die entdeckt werden, neigen dazu, der Bank die Schuld zu geben, denn den Staat zu beschuldigen wäre sinnlos. Auf unser Geschäft hätte ein Wegfall des Bankgeheimnisses aber nur geringe Folgen. Denn irgendwo müssen die Vermögen dennoch verwaltet werden.
SB: Wie wird die Asset-Management-Branche in fünf Jahren aussehen?
Formica: Nur wenige Banken werden noch Asset Manager besitzen, offene Architekturen werden sich durchsetzen. Das heisst umgekehrt, dass es mehr unabhängige Asset Manager wie uns geben wird. Die Kunden werden immer öfter die Anlagerenditen nicht relativ zum Markt, sondern absolut ansehen.
SB: Trotz dem Misstrauen gegenüber Hedge Funds?
Formica: Im Nachhinein wird man zum Schluss kommen, dass sich die Hedge Funds in der Krise gar nicht so schlecht geschlagen haben. Zudem werden mehr Hedge Funds auf gut regulierten Finanzplätzen – onshore – angesiedelt und die Transparenz wird zunehmen. Regulierte Fonds wie UCITS-III-Vehikel gewinnen gegenüber Fonds auf den Cayman Islands an Boden. Hedge Funds und traditionelle Fonds werden sich annähern.
SB: Was halten Sie von der geplanten Hedge-Funds-Richtlinie in Europa?
Formica: Sie ist ein schlechtes Gesetzeswerk, das massive negative Folgen hätte, wenn es so in Kraft träte. Es ist zum Beispiel inkonsistent, Boni an Mitarbeiter gesetzlich zu beschränken, aber Fixgehälter jeder Höhe zuzulassen. Das Richtlinien-Projekt ist auch darum unfair, weil die Banken die jüngste Krise verursacht haben und gerettet werden mussten, nicht die Hedge Funds. Sie verloren zwar Geld, aber sie überlebten ohne Kapitalspritzen und erholen sich bereits wieder. Die Investoren bekamen ihr Geld zurück, wenn auch in manchen Fällen verzögert. Die Manager hatten zusammen mit den Anlegern investiert und teilten ihr Schicksal. Die Banken hatten ihr Geschäft mit Fremdkapital auf die 40fache Grösse hochgehebelt, die Hedge Funds begnügten sich mit dem 2- bis 3fachen. Die Banken taten das alles mit dem Depositengeld von Otto Normalverbraucher, während die Hedge Funds Investoren hatten, die wussten, was sie tun.
SB: Lässt sich die neue Richtlinie noch abwenden?
Formica: Ich glaube es nicht, und ich glaube nicht, dass man es versuchen sollte. Das würde so wirken, als erkenne die Branche nicht, dass sich die Zeiten geändert haben. Wichtig ist, dass nicht allzu viele negative Nebenwirkungen auftreten. Die Richtlinie wurde bereits verwässert, aber an anderen Stellen auch verschärft. So wird es auch bleiben, fürchte ich.
SB: Was sind die Konsequenzen?
Formica: Es wird zu einem zweigeteilten System kommen: Einerseits die onshore regulierten Fonds, ineffizient, mit höheren Kosten, für den EU-Markt. Und andererseits die bisherigen, auf den Cayman Islands basierten Strukturen für die anderen Märkte.
SB: Wie würden Sie diese Zweiteilung als Asset Manager behandeln?
Formica: Wir haben bereits einige Fonds, von denen es eine Cayman-basierte Version und eine in Europa basierte UCITS-Version gibt. Ich nenne das «Hedge Fund light», weil diesen Fonds einiges nicht erlaubt ist, was Cayman-basierte Fonds tun dürfen. Aber das Management ist ein- und dasselbe und sitzt in London. Heute natürlich überlegen sie sich einen Umzug in die Schweiz (lacht).
SB: Und, werden sie es tun?
Formica: Ja, ich glaube, einige werden in die Schweiz ziehen. Wird daraus eine kritische Masse, werden sich Kompetenzzentren bilden, die eine Sogwirkung entfalten. Wichtig ist, dass die Schweiz ein angemessenes Angebot an internationalen Schulen und Wohngelegenheiten bereitstellt.
SB: Um auf Henderson zurückzukommen: Was sind Ihre Wachstumsziele?
Formica: Wir wollen im zweistelligen Prozentbereich wachsen, der Trend in den Kapitalzuflüssen soll positiv sein und über dem Marktdurchschnitt.
SB: Wer ist Ihr direktester Konkurrent?
Formica: Das variiert je nach Markt und Tätigkeitsfeld. Am ähnlichsten ist uns wahrscheinlich der britische Vermögensverwalter Schroders. Doch dieser baut im Gegensatz zu uns sein Hedge-Fund-Geschäft auf Dachfonds auf. Wir sind stärker in den USA, er ist stärker in Europa und Asien.
SB: Wie vergleicht sich Henderson mit BlackRock – ausser dass diese mit Abstand die Branchengrösste ist?
Formica: BlackRock hat aufgrund ihrer schieren Grösse natürlich ein breiteres Angebot als wir und entsprechend mehr institutionelle Kunden. Und natürlich hat sie sich mit der Akquisition der Fondssparte von Barclays’ soeben eine breite Palette ETF eingekauft. Wir haben keine ETF.
SB: Wie wird die Gewinnentwicklung von Henderson ausfallen?
Formica: 2008 und 2009 waren sehr schlechte Jahre, besonders im Vergleich mit dem Rekordjahr 2007. Aber die Marktbedingungen haben sich im Verlauf von 2009 deutlich verbessert. Dies sowie unsere gute Performance haben die Nachfrage nach unseren Produkten erhöht. Insgesamt bin ich in Bezug auf die Profitabilität für 2009 optimistisch gestimmt und zuversichtlich, dass wir uns 2010 wieder auf das Niveau von 2007 hin bewegen. «
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Andrew Formica Zur Person
Der 38-jährige Australier ist seit zwölf Jahren in verschiedenen Funktionen für Henderson Global tätig, seit 2006 als CEO. Zuvor arbeitete er für den Versicherer AMP in Sydney, zuletzt in dessen Asset Management, das 1998 mit Henderson Global Investors fusionierte.
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