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Schweizer Bank vom 21.01.2010 Claude Baumann, 8925 Zeichen |
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| Finanzplatz Genf: Die Ankunft der «schwarzen Schwäne» |
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| Der Kundendatendiebstahl bei HSBC in Genf ist die jüngste Episode einer Pannenserie am Finanzplatz. Das Selbstverständnis der Rhonestadt hat gelitten. Wie der Ruf repariert werden kann. |
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Weder Krisen noch Kriege oder andere Katastrophen schienen den Genfer Banken in der Vergangenheit etwas anhaben zu können. Jahrzehnte-, wenn nicht gar jahrhundertelang blieb ihr Mythos standhaft. Er zeugte von Vertrauenswürdigkeit, Integrität und dem Glück des Tüchtigeren. So prosperierte das Geschäft mit den Reichen dieser Welt. Doch urplötzlich geriet dieses Selbstverständnis aus dem Lot. Seither ist die Rhonestadt auf der Sinnsuche.
Vor zwei Jahren tauchten auch am Genfersee die ersten «schwarzen Schwäne» auf. So bezeichnet der amerikanische Finanzmathematiker und Autor Nassim Nicholas Taleb seltene, unvorhergesehene Phänomene, welche die Denkmuster der Menschen schlagartig verändern. In seinem gleichnamigen Bestseller beschreibt er, wie man in Europa bis ins 17. Jahrhundert überzeugt war, alle Schwäne seien weiss. Doch als Australien entdeckt wurde, zeigte sich, dass es dort schwarze Schwäne gab. Aus dem Nichts entstand eine neue Realität. Solche neuen Realitäten entstanden auch in der jüngsten Finanzkrise zuhauf. Und diesmal geriet selbst Genf in den Sog unverhoffter Ereignisse, nachdem es lange so aussah, als bleibe die Stadt einmal mehr verschont. Als eigentliches Fanal erwies sich der Madoff-Skandal, den die Finanzwelt zuerst für eine rein amerikanische Angelegenheit hielt. Doch spätestens im Dezember 2008 stellte sich heraus, dass die Affäre auch nach Genf führte. Eine Vielzahl hochangesehener Genfer Banquiers war dem angeblichen Hedge-Fund-Genie Bernie Madoff, der mit seinem Schneeball-System absurder Renditeversprechen eigentlich ein Grossbetrüger war, verantwortungslos aufgesessen.
Der Madoff-Schock
Ob Bénédict Hentsch, Eric Syz oder die Finanzgruppe des schillernden Hedge-Fund-Investors Arpad Busson, sie alle mussten hohe Millionenbeträge abschreiben, die im verschachtelten Madoff-Imperium versickert waren. Dies passte wenig zum Bild der noblen und umsichtig handelnden Genfer Banquiers. Bei der traditionsreichen Union Bancaire Privée, die mit 700 Millionen Dollar in der Kreide stand, kehrte für eine Weile sogar der 80-jährige Firmengründer Edgar de Picciotto ins Tagesgeschäft zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Der Fall Madoff und einige andere Ereignisse sorgten für eine weltweit extrem zwiespältige Publizität. Dies war ein Schock für die Westschweizer Finanzmetropole, weil die Genfer Banquiers seit je mit dem Credo kokettierten «Bene vixit, bene qui latuit», also «Glücklich lebte, wer sich gut verborgen hielt». Oder auf Genf bezogen wohl: «Glücklich geschäftete, wer sich gut verborgen hielt». Doch damit war nun Schluss. Nach aussen erstarrte Genf in konsterniertem Schweigen.
UBS, OECD und HSBC
Die Krisenjahre 2008/2009 schwemm- ten weitere schwarze Schwäne an die Gestade des Lac Léman: Im Rechtsstreit zwischen der UBS und den US-Justizbehörden geriet die Rhonestadt zunehmend ins Schlaglicht, weil die überambitionierten UBS-Private-Banker ihre waghalsigen Offshore-Geschäfte mit amerikanischen Klienten ausgerechnet von Genf aus gesteuert hatten. Selbst Whistleblower Bradley Birkenfeld operierte für die UBS aus der Calvinstadt heraus und finanzierte sich mit seinem dort erzielten Salär auch sein Chalet in Zermatt. So mutierte die Hochburg der klassischen Vermögensverwaltung in der öffentlichen Wahrnehmung zusehends zum Hort windiger Kundenberater. Als der Bundesrat dann im Frühjahr 2009 den Richtlinien der OECD nachkam und die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug für ausländische Bankkunden aufgab, wurde erneut aus dem Unvorstellbaren harsche Wirklichkeit. Damit verschwand der rechtliche Freiraum, den nicht wenige Banken auf dem Platz Genf genutzt hatten, um Steuerflüchtlingen aus dem Ausland «Asyl» in der Schweiz zu bieten. Nicht wenige Häuser hatten ihr Geschäftsmodell auf ebendieser «Optimierung» begründet. Ihre weitere Daseinsberechtigung wurde nun akut bedroht. Als ob diese Ereignisse allein nicht schon reichten, sorgte dann noch der Informatiker Hervé Falciani bei der HSBC Private Bank Ende 2009 für Aufruhr. Er hatte offenbar schon vor einiger Zeit Tausende von geheimen Kontoangaben entwendet und sie nach abenteuerlichen Umwegen den französischen Behörden zugespielt. Die Bank erklärte, es handle sich dabei bloss um eine Handvoll veralteter Daten. Doch dies schien alsbald nicht mehr plausibel, denn der Fall nahm schnell staatspolitische Konsequenzen an und führte zur Sistierung des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen der Schweiz und Frankreich. Einmal mehr nahm die Öffentlichkeit verblüfft zur Kenntnis, wie der Nimbus des Bankenplatzes Genf immer weiter Schaden nahm. Fahrlässige Praktiken, ein durchlöchertes Bankgeheimnis, Geschäftsmodelle, die unter dem Einfluss der globalen Finanzkrise nicht länger funktionieren, die wachsende Gefahr, dass vertrauliche Kundendaten in fremde Hände geraten – all das stellt die Geldmetropole Genf seither vor eine enorme Belastungsprobe. Zwar hoffen immer noch viele Banquiers, dass sich der Sturm wieder verzieht. Insgeheim wissen aber die meisten, dass dies bloss noch Wunschdenken ist – in Anbetracht der verschiedenen Tiefdruckzonen, die derzeit über Genf kollidieren.
Die Standortvorteile ausnutzen
Noch kann der Finanzplatz von seiner Substanz zehren. Nach wie vor sind die Vermögen enorm, die von Genf aus verwaltet werden. Trotzdem kann sich die Rhonestadt den neuen Realitäten nicht entziehen. Der Finanzplatz muss sich, ob er will oder nicht, neu erfinden je früher, desto besser. Wie verhängnisvoll Passivität sein kann, illustriert das Tessin, wo die jüngste Steueramnestie Italiens zu schmerzlichen Einbussen führte. Als Glück erweist sich in diesem Zusammenhang der Rohwarenhandels-Cluster in Genf. Ein substanzieller Anteil des globalen Rohwarenhandels läuft über die Rhonestadt, deren Banken weltweit führend sind in der Finanzierung der Handelslieferungen. Das ist ein starkes und wachsendes Standbein – allerdings befindet sich dieses Geschäft heute überwiegend in der Hand von Auslandsbanken. «Genf könnte sich verstärkt als Zentrum für ausländische Hedge Funds, Private-Equity-Firmen und Family Offices engagieren», schlägt der frühere CS-Banker und heutige Chairman von Barclays Capital Hans-Jörg Rudloff vor. «Dabei ginge es aber nicht darum, dass man den Akteuren ermöglicht, sich den Regulatorien in ihren Heimatländern zu entziehen, und die Schweiz zum Asyl der Hochfinanz macht. Das würde uns nur noch mehr Druck aus dem Auslands aufbürden», betont Rudloff. «Genf müsste mit Professionalität und Kompetenz überzeugen.» Tatsächlich hat Genf enorme Vorteile gegenüber anderen Finanzplätzen. Dabei spielt das lokale Steuerniveau nicht einmal so sehr eine Rolle. Denn obschon die Steuern im Kanton Genf deutlich höher sind als etwa in Schwyz, sondieren derzeit viele ausländische Hedge Funds einen Umzug in die Rhonestadt. Warum? Weil Genf ein Cluster an Expertise, Infrastruktur und Lebensqualität bietet wie nur wenige andere Finanzmetropolen.
Aus der Krise lernen
«In einen weiteren Ausbau dieser einzigartigen Position müssen die Erfahrungen aus der Finanzkrise einfliessen», sagt Urs Schneider, Finanzprofessor an der International University in Geneva. Die Banken und Ausbildungsinstitute könnten sogar eine Schrittmacherfunktion übernehmen, wenn sie sich dabei auf die Mega-Themen von morgen spezialisierten, etwa Sustainability (Nachhaltigkeit), Altersvorsorge oder, angesichts des Wandels beim Bankgeheimnis, die neue Auslegung der finanziellen Privatsphäre (Privacy). Dies alles auf der Basis professioneller Ausbildung, «nicht mit ‹Learning by doing› wie bei Madoff». Einen Schritt weiter geht Teodoro D. Cocca, Schweizer Professor an der Johannes-Kepler-Universität in Linz. Er ist überzeugt: «Eine aktive steuerliche Beratung bei deklarierten Geldern liesse sich in ein margenstarkes Geschäft verwandeln, sofern es den Schweizer Banken gelingt, internationales Know-how in Steuerfragen als Kernkompetenz zu entwickeln.» Zur Qualität eines Private Banking 2.0 gehört aber auch die Anlagerendite. «Ein Thema», so Cocca weiter, «bei dem die Schweizer Banken in den letzten zehn Jahren kaum viel Mehrwert für ihre Kunden generiert haben. Schon gar nicht nach Spesen und Steuern.» Anders gesagt: Gerade nach dem Madoff-Debakel könnten die Akteure auf dem Platz Genf ihr Versprechen der Erhaltung und Mehrung von Vermögen einlösen, mit dem sie stets ihre hohen Beratungsmargen gerechtfertigt haben. Oder wie es der Unternehmer und Bankenberater Ray Soudah auf den Punkt bringt: «Auf das Wort eines Banquiers muss wieder Verlass sein.» Dies würde zweifelsohne auch die schwarzen Schwäne aus Genf verscheuchen. «
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Literaturhinweis: Von Claude Baumann und Ralph Pöhner erschien unlängst das Buch «Neustart — 50 Ideen für einen starken Finanzplatz Schweiz» im Verlag NZZ Libro, 212 Seiten, CHF 36.00.
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