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Schweizer Bank vom 23.08.2012
Johannes J. Schraner, 8133 Zeichen
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Extrem gefährlich
 
Die neuen regulatorischen Anforderungen insbesondere im Offshore-Bereich läuten den Umbau von bisherigen Geschäftsmodellen in Schweizer Banken ein. Die grösste Sprengkraft vor allem für Nicht-Grossbanken hat die absehbare EU-Richtlinie Mifid II.
 
Wie bewältigen Schweizer Banken die derzeitige ?Herausforderung, trotz
verdichteter grenzüberschreitender Regulierung auch im Offshore-
Geschäft erfolgreich zu bleiben? «Wir bewegen uns im
Handlungsdreieck zwischen Anpassung, Profilierung und künftigem
Marktzugang», bringt es der Vertreter einer Schweizer Grossbank auf
den Punkt. Die kurzfristig heissesten Dossiers seien in dieser
Reihenfolge Fatca, Mifid, die bilateralen Abgeltungssteuer-Abkommen,
Basel III sowie das für 2014 geplante Finanzdienstleistungsgesetz des
Bundes.

Eine Umfrage der «Schweizer Bank» bei verschiedenen Schweizer
Instituten förderte Überraschendes zutage. Langfristig sind für ihr
Offshore-Geschäft weder die anhaltend lang und breit diskutierten
bilateralen Abgeltungssteuerabkommen noch das US-
Monstersteuergesetz Fatca noch die neuen Eigenkapitalstandards von
Basel III bestimmend – sondern die sogenannte Markets in Financial
Instruments Directive (Mifid II) der Europäischen Union. «Mifid hat
aufgrund seiner indirekten Auswirkungen im Zusammenhang mit dem
sogenannten Lugano-Abkommen die grössten Konsequenzen auf unsere
Offshore-Kundenbeziehungen», erklärt unter anderem Reto Giu­dicetti von
Vontobel. Die Umsetzung der relevanten Anforderungen sei mit einem
hohen Aufwand verbunden, was wiederum die Kostenseite belaste ( ).

Tatsächlich hat die Schweiz neben verschiedenen europäischen
Vertragsstaaten das revidierte Lugano-Abkommen unterzeichnet. Damit
besteht bei Vorliegen eines sogenannten Konsumentenvertrages die
Möglichkeit, dass ein Bankkunde unter Umständen in einem
Vertragsstaat wie zum Beispiel in Deutschland klagen kann und in der
Folge dort ausländisches Recht zur Anwendung bringen kann. Dies trotz
anderslautender Regelung zum Beispiel in den allgemeinen
Geschäftsbedingungen mit Gerichtsstand und Rechtswahl Schweiz.

Kern der Vermögensverwaltung betroffen
«Mifid wird einen deutlichen Einfluss auf unsere Offshore-
Kundenbeziehungen haben», bestätigt Mats Bachmann von der Basler
Kantonalbank (BKB). Aufgrund der sich ändernden regulatorischen
Rahmenbedingungen kämen in den nächsten Monaten zahlreiche
technische und operationelle Anpassungen auf die Bank zu. Der
Compliance-Aufwand werde ebenfalls weiter zunehmen. «Im Rahmen
dieser Projekte wird die Frage zu prüfen sein, welche Märkte und
Kunden im Rahmen des Offshore-Angebotes inskünftig bedient werden
sollen», fügt Bachmann an.

Bei der aktuell laufenden Neudefinition der künftigen Dienstleistungen für
Offshore-Kunden komme zudem der konsequenten Umsetzung der
Weissgeldstrategie eine wichtige Bedeutung zu. Als Kantonalbank liege
der Fokus auf der Kundschaft mit Domizil in der Schweiz. Jedoch
würden die Dienstleistungen der BKB auch von Grenzgängern in
Anspruch genommen. «Gerade bei den grenznahen Kantonalbanken ist
das Anlagegeschäft mit ausländischen Kunden historisch gewachsen
und hat dadurch ein gewisse Bedeutung erlangt», gibt Bachmann zu
bedenken.

«Die Drittland-Regelung von Mifid trifft die Vermögensverwaltung vor
allem von kleineren und mittelgrossen Schweizer Instituten ins Herz und
kann für sie extrem gefährlich werden», spitzt der Vertreter einer
Grossbank die Herausforderung zu. Mifid sei ein Beispiel, wie die
ausländische Regulierung den grenzüberschreitenden Marktzugang von
Schweizer Instituten immer mehr erschwere. Die Frage sei, wie gut Mifid
technisch und operationell umsetzbar sei. Bisher sei noch vieles offen.

«Die Credit Suisse hat sich früh entschlossen, Mifid-kompatible
Prozesse umzusetzen und die Grundsätze von Eignung und
Angemessenheit bei der Beratung und Ausführung von
Wertschriftentransaktionen anzuwenden», kommentiert Sprecher Hans-
Peter Wäfler. Im Beratungsgespräch werde unter anderem festgestellt,
ob der Kunde das Risiko einer Transaktion tragen kann und ob sie mit
seinen Anlagezielen übereinstimmt.

Die Selbstsicherheit der CS steht allerdings auf nicht allzu festen
Füssen. Der Margendruck wird deutlich steigen, wenn innerhalb von Mifid
II Retrozessionen verboten werden sollten, heisst es hinter vorgehaltener
Hand. Dann müsse jede Bank zusätzliche Beratungsgebühren
verlangen. Tatsächlich sind Retros in Grossbritannien und den
Niederlanden bereits verboten.

Nationale Alleingänge sind bedrohlich
«Es gibt einen Punkt, an dem man gewisse ?Geschäfte unter gewissen
regulatorischen ?Bedingungen schlicht nicht mehr erfolgversprechend
betreiben kann», stellte CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner in
einem Interview grundsätzlich fest. Entscheidungen von Regulatoren
hätten immer Auswirkungen auf die Strategie eines Unternehmens.
Neben Mifid zählt Basel III dazu. «Sollten die regulatorischen
Herausforderungen über Basel III hinaus verschärft werden und die
nationalen Regulatoren eigene Spezialregeln entwickeln, würde das
Führen einer global tätigen Universalbank wie der CS noch viel
schwieriger», mahnt Rohner.

Auch für die BKB verursacht Basel III auf technischer und fachlicher
Ebene in diesem und nächstem Jahr «einen beträchtlichen
Umsetzungsaufwand», wie Banksprecher Bachmann weiter ausführt.
Dafür verantwortlich seien insbesondere die neuen
Eigenmittelvorschriften, die geänderten Bestimmungen zur Liquidität
sowie die Einführung einer Leverage Ratio. Mittel- und langfristig stellen
Basel III sowie Mifid also die grössten regulatorischen
Herausforderungen für Schweizer Banken dar. Kurzfristig sind es die
Dossiers Fatca und bilaterale Abgeltungssteuerabkommen.
Bemerkenswerten Pragmatismus zeigt bezüglich Fatca die CS: «Die
Fatca-Gesetzgebung gilt für alle Fi­nanz­institute weltweit, weshalb
Schweizer Banken keine Wettbewerbsnachteile erfahren», hält Sprecher
Wäfler fest. Die CS verfolge die Entwicklung aufmerksam und bereite
sich auf die Teilnahme an Fatca vor. Voraussetzung dafür sei indes,
dass Konflikte mit nationalen Gesetzen in verschiedenen Ländern gelöst
würden.

«Unser Ziel ist es, unseren Kunden in den verschiedenen
Buchungszentren weiterhin die gesamte Private-Banking-
Dienstleistungspalette anzubieten, einschliesslich direkter und indirekter
US-Anlagen», so Wäfler. Mehr Rechtssicherheit muss auch das oberste
Ziel von Schweizer Banken im Bezug auf die Regelung der
Vergangenheit mit bilateralen Abgeltungssteuerabkommen sein. Mit
Hochdruck arbeiten neben den Grossbanken auch die Kantonal- und
Privatbanken an der Implementierung. Retail-Banken tun das auch
aufgrund ihrer Kundensegmentierung weniger. Die übermedialisierte
Frage, ob das Abkommen mit Deutschland 2013 in Kraft treten wird,
verdeckt allerdings einen ganz anderen, viel wichtigeren Punkt.

Unklare Strategie des Bundes
«Schweizer Banken können nicht eine beliebig hohe Zahl von bilateralen
Abgeltungssteuerabkommen umsetzen», warnt der Vertreter einer
Grossbank. Die Strategie des Staatssekretariates für Internationale
Finanzfragen (SIF) beziehungsweise des Bundesrates vor allem im
Bezug auf die so genannten Schwellenländer sei unklar. Die dortige
Definition von Rechtssicherheit sei mit der Schweizer Rechtskultur nicht
vereinbar und deshalb sei die Umsetzung von bilateralen
Abgeltungssteuerabkommen mit diesen Ländern für hiesige Banken
nicht möglich.

«Die zunehmende Regulierung dürfte innerhalb der einzelnen
Finanzinstitute zu einer Konzentration auf ausgesuchte Zielmärkte
führen», beschreibt Reto Giudicetti von Vontobel die generelle Folge der
rollenden Regulierungswelle. Bei Vontobel konzentrierten sich bereits
heute 90 Prozent der verwalteten Kundenvermögen in den definierten
Fokusmärkten der Gruppe. Dazu zählen neben dem Heimmarkt Schweiz
die Nachbarmärkte Deutschland und Italien sowie Osteuropa, die USA
und ausgewählte Schwellenländer.


 
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