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Handelszeitung vom 09.09.1998, 37/98
, Udo Theiss, 10589 Zeichen
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Auf und ab wie in der Halfpipe
 
 
*TRENdSPORTMARKT/Am Wochenende findet auf der Landiwiese in Zürich unter dem Titel «freestyle.ch» ein Stelldichein der Anbieter, Produzenten und Benutzer von Funsportgeräten und -bekleidung statt. Marktzahlen belegen, dass es im Funsportgeschäft kaum weniger auf und ab geht als in der Halfpipe.*
Wenn Erwin Flury, Organisator des Trendsportevents «freestyle.ch» und Mitinhaber der Eventagentur Free Animation Factory (FAF), über den Freestyle-Sport als solchen redet, kommt er schnell ins Philosophieren: «Schon Heraklit hat erkannt, dass 'einzig die Veränderung beständig ist'. Das beschreibt genau den Geist der Freestyle-Szene. Viele Jugendliche streben nach Neuem und Unkonventionellem. Und neu und unkonventionell ist nur, was nicht dem Massengeschmack unterworfen ist und sich ständig weiterentwickelt.»

Sportartikelbranche gibt sich vielfach zu zögerlich


Vor allem die Sportartikelhersteller haben offensichtlich Mühe, diesen Grundsatz zu beherzigen. Seit mit dem Skateboard, ursprünglich Trockenübungsgerät der kalifornischen Surfer, in den 50er Jahren der Trendsport an Land ging, jagt ein Boom den anderen - regelmässig gefolgt von massiven Umsatzeinbrüchen und Massenpleiten. Das, obwohl sich Funsportgeräte wie Mountainbikes, Inline-Skates oder Snowboard keineswegs als modische Eintagsfliegen entpuppten.

Vom Randsport zum Verkaufsschlager


Am deutlichsten zeigt sich derzeit die Dynamik des Trendsportgeschäfts an den Beispielen Inline-Skate und Snowboard. Der ehemalige Profisnowboarder Micki Früh, heute Berater in der Snowboardindustrie und Redaktor des Branchenfachblattes «European Sports Business» (ESB), erinnert sich, dass noch vor sieben oder acht Jahren Snowboarder in den meisten Wintersportgebieten nicht gern gesehen waren. Bis in die 90er Jahre gab es allenfalls ein paar hundert Snowboarder in Europa, die sich mit dem Liftpersonal der Skigebiete herumstritten. Doch in den 90er Jahren stieg der Snowboardverkauf von einigen hundert, meist direktimportierten Brettern auf aktuell rund 90 000 verkaufte Snowboards, allein in der Schweiz. Gemäss einer Umfrage des Verbands Schweizer Sportfachhandel unter den führenden Snowboardanbietern rechnet die Branche auch in der kommenden Saison mit weiter steigenden Absatzzahlen.

Überangebot und Verdrängungswettbewerb


Dennoch herrscht in der Snowboardindustrie und im Fachhandel alles andere als Euphorie. Die Fachzeitschrift «Transworld Snowboarding» berichtet, dass in der kommenden Saison nur noch 179 Snowboardmarken angeboten werden - 60 weniger als im letzten Jahr. Chris Kuster, Geschäftsführer von Nitro Snowboards Switzerland, erklärt das Markensterben mit einem massiven Überangebot, trotz wachsender Absätze: «Die traumhaften Umsatzzahlen zu Beginn der 90er Jahre haben einen regelrechten Goldrush ausgelöst. Immer mehr Hersteller sind auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Weltweit steigen die verkauften Stückzahlen immer noch, aber es werden viel mehr Bretter produziert als verkauft werden können.»

Steigende Umsätze und stagnierende Einnahmen


Zwischen 1993 und 1996 wuchs der Markt um fast 100%. Noch zu Beginn der Saison 1995/96 freute sich die Branche über Wachstumsraten von weltweit rund 30%. Doch einige Hersteller, darunter auch die Schweizer Edelmarke Steep & Deep, haben sich schon 1996 gründlich verrechnet: Von den 850 000 für den japanischen Markt produzierten Brettern wurden gerade mal 450 000 verkauft. In der vergangenen Saison beklagten verschiedene Snowboardfabriken Auftragseinbussen von bis zu 50%. Überfüllte Lager drücken auf die Preise. So verkauften in der letzten Saison die US-Händler zwar immer noch 12% mehr Snowboards als in der Vorsaison, der Dollarumsatz hingegen stieg nur um 1%.
Gleichzeitig findet ein Konzentrationsprozess statt. Die Top five der verbliebenen Snowboardhersteller konnten ihren Marktanteil im letzten Jahr von 35 auf 45% ausbauen. Hinzu kommt, dass heute fast alle Skihersteller ebenfalls Snowboards anbieten. Die meisten Snowboardfirmen haben keine eigenen Produktionsanlagen, sondern müssen die Bretter extern - von Skifabriken - fertigen lassen. Die Skihersteller können die Bretter auf eigenen Anlagen, in grösserer Stückzahl und dementsprechend billiger produzieren.

Überhöhte Erwartungen


Ähnlich, nur ungleich rasanter, verlief die Entwicklung des Inline-Geschäfts. In der Schweiz stiegen die Absatzzahlen von knapp 40 000 Paar Inlinern 1993 auf fast 400 000 Paar 1996. Parallel entwickelte sich der Markt in anderen europäischen Ländern. Die Branche rechnete auch für die kommenden Jahre mit zweistelligen Wachstumsraten. Tatsächlich aber war der Absatz in ganz Europa 1997 bereits rückläufig. Der Handel blieb schon 1997 auf einem Gutteil der getätigten Hamsterbestellungen sitzen. Ausgehend von den Entwicklungen in den USA und den Verkäufen in der Hauptsaison rechnen die Liferanten ausnahmslos damit, dass der Inline-Absatz im Vergleich zum Vorjahr nochmals um 10 bis 20% zurückgeht.
Dabei wäre die Entwicklung voraussehbar gewesen. In den USA ist der Inline-Absatz schon 1996 drastisch abgetaucht. Das Problem der vollen Lager wurde aber schlicht nach Europa exportiert. Hierzulande leidet vor allem der Fachhandel unter den, durch das Überangebot purzelnden Preisen.

Nischendasein für Surf- und Skateboard


Ähnlich wie der Inline- und Snowboardmarkt haben sich einige Jahre zuvor der Mountainbike- und Rollerskatemarkt verhalten. Solche Marktmechanismen greifen im Trendsportbereich allerdings nur, wenn der Sportartikel gewisse Voraussetzungen erfüllt.
· Die nötigen Bedingungen (Schnee, Asphalt, Wellen) müssen für genügend kaufkräftige Kunden erreichbar sein.
· Hardware und Ausübung der Sportart müssen erschwinglich sein.
· Der Sport muss gleichzeitig leicht erlernbar sein und genügend Entwicklungspotential aufweisen, um Langeweile zu vermeiden.
· Ein harter Kern - zum Beispiel eine Freestyle-Szene - muss für das nötige jugendliche, ungebundene und abenteuerliche Image sorgen.
Entsprechend kommen die Urformen des Freestyle-Sports nur am Rande mit den Gesetzen des Sportartikelgeschäftes in Berührung. Surfen ist für ein Massenpublikum zu schwierig und kann nur an wenigen Stränden ausgeübt werden. Skateboarden und BMX-Biken sind für ein breites Publikum zu gefährlich. Dementsprechend bleiben diese Szenen - mittlerweile schon seit Jahrzehnten - eine kleine, verschworene Gemeinschaft, ohne grosses kommerzielles Potential.
Doch so unattraktiv die «Hardcore»-Szenen als Konsumentenschicht sind, so attraktiv sind sie als Verkaufsmotor. Ohne die hartgesottenen Freestyler und die langhaarigen surfenden «Soulrider» liesse sich mit dem Funsport wohl kein annähernd so gutes Geschäft machen. Im Inline-Bereich etwa sind nur 13% der verkauften Schuhe freestyletaugliche «Agressive»-Skates. Bei den Snowboards sind rund 30% freestyletauglich. Dennoch sind die Freestyler die beliebtesten Imageträger der Branchen. Und auch branchenfremde Firmen fühlen sich immer stärker von den Freestylern angezogen. Sportartikelkonzerne wie Nike und Adidas planen in der kommenden Saison «sportauthentische» Skateboardbekleidungslinien. Der Ski-, Snowboard- und Inlineproduzent K2 hat gar ein eigenes Skateboard auf den Markt gebracht, obwohl das Marktvolumen des Skateboards allenfalls ein Zehntel des Inline-Umsatzes ausmacht.
Migros Sports&Fun ist seit vergangener Saison Hauptsponsor des Schweizer Snowboardverbandes SSBA und hat die Durchführung der letztjährigen Juniorenweltmeisterschaft in Grindelwald finanziert. UBS, Nescafé und Swissair sind schon traditionelle Sponsoren von Snowboard- und Freestyle-Anlässen jeder Art - eben auch von «freestyle.ch». Erwartet werden dort am Wochenende in Zürich auf der Landiwiese 70 000 Zuschauer und Zuschauerinnen.

Nicht Sportartikel, sondern Szene entscheidend


«Die eigentliche Freestyle-Szene ist eher klein», erklärt «freestyle»-Organisator Erwin Flury. «Aber sie ist geprägt von einer unglaublichen Energie und Dynamik, die das Publikum in Massen lockt und von der sich die Industrie einen Imagetransfer verspricht. Der Fehler, der dabei häufig gemacht wird, ist die Fixierung auf einen Trend oder ein Sportgerät. Die Produkte kommen und gehen. Was bleibt, sind die aktiven Freestyler, die immer wieder neue Trends lostreten, neue Sportgeräte entwickeln und unabhängig von der Marktentwicklung immer wieder neue Wege finden, sich vom Mainstream abzugrenzen.»

Inline-Markt Schweiz


Verkauf (in Paar)
1992: 5000
1994: 100000
1996: 390000
1997: 370000
1998: 310000 - 320000 1
Absatzkanäle (in %)
Sportfachhandel: 45
Warenhäuser: 44
Inline-Spezialisten: 9
Andere: 2
Absatz nach Preiskategorie (in %)
Unter 200 Fr.: 32
200 bis 400 Fr. 56
Über 400 Fr.: 12
1 Schätzung

Snowboard-Markt Schweiz


(Bretter pro Wintersaison)
1991/92: 20000
1992/93: 40000
1993/94: 50000
1994/95: 60000
1995/96: 80000
1996/97: 90000
1997/98: 86000
Absatzkanäle Marken-
Snowboards (in %)
Sportfachhandel: 50
Snowboard-Spezialisten: 39
Grossverteiler/Discounter usw.: 11

Sportartikelbranche


Ein leicht schwächerer Winter


Nur marginal profitierte der Schweizer Sportfachhandel im Winterhalbjahr 1997/98 vom leichten Anziehen der Konsumstimmung. Im Vergleich zum Vorjahr ging der Umsatz mit Wintersportartikeln um rund 2% auf 573 Mio Fr. zurück. Etwas besser liefen 1997 die Sommersportartikel: In diesem Bereich stieg der Umsatz um gut 2% auf rund 569 Mio Fr. Gesamthaft setzte der Sportfachhandel im letzten Jahr rund 1,143 Mio Fr. um. (mk)

Wintersportartikelmarkt Schweiz im Detail


(in Mio Fr. zu Detailpreisen)
1997/98 1996/97 1995/96 1994/95 1993/94 1992/93 1991/92 1990/91
Ski alpin 118 119 120 126 139 135 163 130
Snowboards 48 51 40 34 27 18
Ski nordisch 7 11 10 12 14 12 14 12
Skischuhe alpin 2 106 103 98 105 109 102 111 92
Skischuhe nordisch 6 9 8 9 11 12 12 10
Skibindungen alpin 52 47 48 51 60 62 64 53
Skibindungen nordisch 1 2 2 3 3 3 3 3
Skibekleidung 235 242 239 252 264 254 262 213
Total 573 588 565 592 627 598 629 513
Anzahl Paare (in 1000)
1997/98 1 1996/97 1995/96 1994/95 1993/94 1992/93 1991/92 1990/91
Ski alpin 320 305 323 351 377 377 455 380
Snowboards 86 90 64 52 39 28
Ski nordisch 43 46 45 52 56 60 70 67
Skischuhe alpin 2 307/85 301/73 334 363 383 369 405 365
Skischuhe nordisch 45 48 48 55 59 65 77 71
Skibindungen alpin 266 261 281 284 326 342 380 330


 
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